Suggestion und Placebo

 

Wer mit der Biopunktur vertraut ist, weiß, dass die meisten schulmedizinisch arbeitenden Traumatologen der Meinung sind, die Wirkung der Injektionen beruhe allein auf Suggestion oder auf dem Placebo-Effekt. Dem können wir entgegen halten, dass viele biotherapeutische Injektionen auch schon bei Tieren angewendet wurden, bei denen solche psychologischen Einflüsse ja auszuschließen sind.

Darüber hinaus gibt es Placebo-kontrollierte Studien zu Biotherapeutika wie Traumeel Salbe.  In diesen Doppelblindstudien wurde lediglich eine Salbe aufgetragen, so dass die klinische Wirkung offensichtlich mit dem Mittel selbst im Zusammenhang steht. Im Gegensatz zu den Traumeel-Injektionen gibt es bei der Salbenanwendung keinen Einfluss des Nadelstichs in das Gewebe und keine Wirkung eines Lokalanästhetikums.

Dennoch wird es schwierig sein, die klinische Wirksamkeit der Biopunktur in großen klinischen Prüfungen zu verifizieren, weil die Reaktion auf die Injektionen von vielen Faktoren beeinflusst wird. Die Ergebnisse hängen ab vom verwendeten Mittel, von den Kenntnissen des Arztes ‑ beispielsweise in Bezug auf die Triggerpunkte und deren Lokalisation oder die zur Behandlung chronischer Schmerzzustände geeignete Strategie ‑ und von anderem mehr. Außerdem kann man Injektionen auf viele verschiedene Arten verabreichen: verschiedene Einstichtiefen, Einstichwinkel, injizierte Volumina, Anzahl der Injektionen in einer Sitzung ‑ jede einzelne Variante kann zu unterschiedlichen Ergebnissen führen! Offensichtlich ist es auch unmöglich, all die Wirkungen des Nadelstichs selbst zu ignorieren: den Nadeleffekt, den Triggerpunkteffekt oder den Effekt durch den Kontakt mit peripheren Nervenendigungen. Alle diese Faktoren können die Heilung beeinflussen und das subjektive Schmerzempfinden des betreffenden Areals regulieren ‑ und zwar sowohl in der Verum-Gruppe (die z.B. Traumeel-Injektionen erhält) als auch in der Kontrollgruppe (mit z.B. Natriumchlorid-Injektionen). Es ist unmöglich, alle diese Faktoren in einer klinischen Prüfung zu standardisieren ‑ ein Problem, das für das Studiendesign einer klinischen Studie zur Prüfung der Wirksamkeit einer oralen Medikation oder eines topischen Präparates keine Rolle spielt.

 

Nadeleffekt

Triggerpunkteffekt

Effekt des Lokalanästhetikums

Effekt der hypertonen Dextroselösung

Placebo-Effekt

 

 

Unspezifische Wirkungen der Biopunktur

 

Es gibt noch ein weiteres Problem: jeder Patient reagiert idividuell unterschiedlich auf die Biopunktur. Das bedeutet, dass schon die Auswahl des Patientenkollektivs für die Wirksamkeitsprüfung der Biopunktur viel Raum für statistische Verzerrungen bietet. Patienten, die auf schulmedizinische Maßnahmen weniger gut ansprechen, zeigen oft gute Ergebnisse mit der Biopunktur. Ein Patienten mag auf die Biopunktur gegen Rückenbeschwerden ansprechen, aber nicht auf die Biopunkturbehandlung seines Tennisellenbogens. Oder jemand spricht auf die Schulterbehandlung mit Biopunktur an, nicht aber auf die Behandlung von Ischialgien. Einige Patienten sprechen auf die Injektion von Traumeel S durch Doktor A an, nicht aber auf „dieselbe“ Traumeel-Injektion, wenn sie von Doktor B verabreicht wird ‑ das liegt in der Regel daran, dass die Injektionstechnik von einem Therapeuten zum anderen unterschiedlich ist.

Andere Patienten sprechen einfach insgesamt nicht gut auf die Biopunktur an und kommen besser mit anderen Strategien zurecht. Patienten, die nicht mehr in die Sprechstunde kommen, fahren manchmal tatsächlich einfach besser mit anderen Behandlungsformen. Wir sollten also nicht automatisch annehmen, dass sie durch die Biopunktur geheilt wurden, wenn sie nach einigen Sitzungen nicht wiederkommen. Die Besserung ist möglicherweise auch auf den natürlichen Heilungsverlauf zurückzuführen (auf eine Spontanheilung ohne jegliche therapeutische Maßnahmen) oder auf eine andere, begleitende Behandlung, über die sie uns gar nicht informiert hatten.

Manche Patienten brechen die Biopunkturbehandlung vorzeitig ab und erfahren dennoch einige Wochen nach der letzten Biopunktursitzung eine Linderung ihrer Beschwerden, obwohl sie in der Zwischenzeit keine andere Behandlung erhalten haben. Dies kann als verzögerter Wirkungseintritt der Biopunktur aufgefasst werden. Obwohl der Patient auf die Biotherapeutika-Injektionen reagiert, dauert es manchmal eine Zeit lang, bis die Wirkung tatsächlich für den Patienten spürbar wird.

Alle diese Phänomene machen es schwer zu beweisen, dass die Biopunktur „tatsächlich wirkt“. Solange wir den Standards der „evidenzbasierten Medizin“ nicht Genüge tun, werden unsere Kollegen die Biopunktur wahrscheinlich weiterhin bespötteln und immer wieder behaupten, dass sie nur durch die Kraft der Suggestion wirksam ist. Bei der Ausübung der Biopunktur ergibt sich jedoch nicht selten eine Situation wie im folgenden Fall: ein Sportler leidet seit zwei Jahren unter Fersenschmerzen. Die Schmerzen sind konstant und ohne Fluktuationen vorhanden. Die Diagnose wurde von mehreren schulmedizinisch tätigen Ärzten bestätigt und die schulmedizinische Therapie hilft nicht weiter. Der Sportler hat jeden Tag Schmerzen und es zeigt sich keinerlei Tendenz zu einer Spontanheilung. Er erhält schließlich wöchentliche Injektionen mit z.B. Traumeel in den betroffenen Bereich. Aber auch bei Wiederholung der wöchentlichen Injektionsserie zeigt sich keine Besserung. Als nach zwei Monaten die Besserung immer noch ausbleibt, entschließt sich der Arzt, mit derselben Technik ein anderes Mittel, z.B. Zeel, anzuwenden. Nach dieser dritten Injektionsbehandlung berichtet der Patient am folgenden Tag plötzlich über eine spektakuläre Besserung seiner Beschwerden. Da auf das vorhergehende Mittel keine Reaktion erfolgte, kann man was daraus schließen? Wenn zwei vorausgegangene Behandlungen erfolglos waren, während nur die dritte Injektion plötzlich die gewünschte therapeutische Wirkung erzielte, weil das Arzneimittel gewechselt wurde, ohne den Patienten darüber in Kenntnis zu setzen ‑ kann man dann wirklich argumentieren, dass die beiden ersten Behandlungen eben nicht suggestiv waren und nur die dritte die erforderliche Suggestionskraft entwickelte?

 

 

 

 

 

 

 

 

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